Der wilde Süden:
Paddeln auf dem Immeln
An der Grenze zwischen den südschwedischen Provinzen Schonen und Blekinge liegen herrliche Seengebiete versteckt. Ein Traum für jeden Paddler. NORR-Autor Björn Nehrhoff weiß genau, warum er schon seit 15 Jahren immer wieder hierher zurückkommt.
Text und Foto: Björn Nehrhoff von Holderberg.
»Warum in den hohen Norden fahren, wenn die typisch schwedische Landschaft auch soweit im Süden zu finden ist?«, fragt mich die Dame von der Touristeninformation, denn zwischen den Orten Immeln und Olofström im nordöstlichen Zipfel von Schonen und dem südlichen Blekinge wird die Natur nicht umsonst als die südlichste Wildnis Schwedens bezeichnet. Von Malmö aus sind es nur etwa hundert Kilometer und eine Stunde Fahrt mit dem Auto, bis man die hügelige, tief bewaldete und felsige Landschaft an der Grenze zwischen den beiden schwedischen Provinzen Schonen und Blekinge erreicht. Wir wollen von Immeln aus mit dem Kanu über eine Kette von Seen, die durch mehrere Portagen verbunden sind, nach Olofström paddeln. Das bedeutet Anfang Juni in der Nebensaison mindestens 35 Kilometer Freiheit in urigem Gelände.
Kaum hat Raimund unser rotes Kanu vom Steg abgestoßen, schiebt uns ein leichter Rückenwind an. Perfekter könnte der Beginn einer Kanutour kaum sein. Wir kommen gut vorwärts und können die Muskeln langsam an die Belastungen des Paddelns mit Gepäck gewöhnen. Schnell werden die roten Schwedenhäuschen an den Ufern weniger und wir tauchen ein in die Inselwelt des Immeln-Sees. Ein Fischadler kreist neugierig um unser Boot. Dann entdecken wir einen schmalen Kanal, gerade mal ein Kanu breit. Natürlich stecken wir die Nase des Kanadiers hinein und landen nach fünfzig Metern in einem kreisrunden idyllischem See. Völlige Stille umgibt uns hier. Die Stämme der Bäume spiegeln sich im Wasser. Würzige Waldluft dringt in unsere Nasen. Genau darum sind wir hier!
DIE GROSSE FREIHEIT
Nach dem kleinen Abstecher ziehen wir kräftig am Paddel und passieren bald die nördliche Spitze von Udden. Wir gelangen auf den offenen Teil des Immelns und erreichen die felsigen Getön-Inseln, die weit draußen auf dem See liegen. Was für ein Und was für ein Gefühl von Freiheit, denn außer uns scheint niemand sonst auf dem Wasser unterwegs zu sein.Anblick! Und was für ein Gefühl von Freiheit, denn außer uns scheint niemand sonst auf dem Wasser unterwegs zu sein. An der Landzunge Lissudden kommen wir nicht vorbei. Zu schön ist der Platz, an dem wir über polierte Felsplatten das Kanu anlanden. Das Traumhafte an Lissudden ist, dass man hier fantastische Sonnenuntergänge beobachten kann. Und das genießen wir am Abend vor dem Lagefeuer sitzend mit Blick auf eine winzige Insel während Prachttaucher über den See schwimmen und ihre heulenden Töne über das Wasser schicken.
Am nächsten Tag kommen wir nach Högön. Die markante Felsinsel, die wir schon am vorigen Abend aus der Ferne betrachten konnten, wird geprägt durch eine 25 Meter hohe Klippe. Wir legen an und genießen einen fantastischen Ausblick über die gesamte Inselwelt. Högön war ein wichtiger Schauplatz im Rahmen der dänisch-schwedischen Auseinandersetzungen um Schonen und gehörte lange zu Dänemark. Im Zuge einer Rückeroberung durch die Schweden kam es zu Plünderungen und Brandschatzungen. Eine Gruppe von Freischärlern, die auf Seiten der Dänen kämpften, die sogenannten »Snapphanar« (dt. Schnapphähne), versuchte durch Überfälle die Nachschubwege zu sabotieren. Im Anschluss an die Kämpfe zogen sie sich zurück in ihre Verstecke. Högön war eines davon. Ihr größter »Coup« gelang ihnen 1676 im Schonischen Krieg, als sie unweit des Sees Möckeln die gesamte Kriegskasse des schwedischen Königs Karls XI. erbeuteten. Selbstredend, dass einige Schnapphähne dafür später zum Tode verurteilt wurden. Die Beute von 50 000 Reichstalern wurde trotzdem nie gefunden.
PARADIESISCHE ZUSTÄNDE
Bald steht die erste von drei Portagen an, die wir heute bewältigen wollen. Die 400 Meter mit dem Kanadier auf dem Bollerwagen über eine Schotterstraße sind fix bewältigt und wir stehen am Westufer des Filkesjön. Hier entdecken wir die Reste einer alten Wassermühle. Ziemlich verfallen, wird das Gebäude in den nächsten Jahren sicher in sich zusammenbrechen. Vom Filkesjön führt ziemlich bald eine erneute Portage über zwei Hügelkuppen zum Gillesjön. Zum Glück für uns Paddler ist dort ein Holzbohlenweg angelegt, auf dem wir unser Kanu mit dem Bootswagen schieben können. Überhaupt ist das ganze Gebiet genau an den richtigen Stellen als Kanuwanderweg ausgebaut, ohne seinen wilden Charakter zu verlieren.
Als nächstes gleitet unser Kanadier durch den verwinkelten Gillesjön. Nach einer kurzen, aber schönen Stippvisite folgt sogleich die dritte Portage. Diesmal warten fünfzig Meter steiniger Weg und wir müssen unsere Ausrüstung schleppen wie einst die Es weht kein Lüftchen und die Oberfläche des Gewässers bleibt platt wie ein Spiegel.Voyageure. Nun sind wir auf dem vielleicht schönsten See unserer Tour, dem Raslången. Betagte Kiefernriesen stehen an seinen Ufern. Manche haben den Kampf mit der Natur über Jahrhunderte irgendwann verloren. Bar jeder Rinde ragen sie jetzt über das Wasser. Ohne »Baumhaut« können wir direkt auf das drehwüchsige Holz schauen. Als drehwüchsig werden Bäume bezeichnet, die während ihres Wachstums dem Licht folgen und sich dabei mehrfach um die eigene Achse drehen. Ein Trick der Natur, um Bäumen an extremen Standorten mehr Stabilität zu verleihen.
Wir halten munter weiter unsere überdimensionalen »Löffel« in den See und finden am Ende des Raslången erneut einen urigen Lagerplatz. Hauptdarsteller ist hier eine Bachstelze, die auf der Suche nach Nahrung von Stein zu Stein hüpft, um ihre hungrigen Jungen zu füttern. Diese quengeln und fiepen nur ein paar Meter weiter in der Ritze einer hohlen Buche.
Frisch erholt gehen wir am nächsten Morgen die restlichen Kilometer an und kommen nach Alltidhult. Schnell wuchten wir das Boot auf den auf Kanuwagen und begeben uns in Richtung Halen, dem größte Binnensee von Blekinge. Es weht kein Lüftchen und die Oberfläche des Gewässers bleibt platt wie ein Spiegel. Ein falunrotes Häuschen steht auf einer winzigen Schäre. Die Ufer des Halen sind stärker besiedelt als die restlichen Seen, und doch er bietet wegen seiner verschachtelten Inselgruppen und Felsen immer noch viel wilde Natur. Wie zum Beweis entdecken wir ein Haubentaucher-Nest, das direkt an eine winzige Felsinsel angedockt wurde, auf der sich eine einzelne Birke am Leben zu erhalten versucht.
Schon bald kommt rechts tief in der Bucht die Kanustation Olofström in Sicht und unsere gemütliche Tour in der südlichsten Wildnis Schwedens geht viel zu schnell zu Ende.
PADDELN IN SÜDSCHWEDEN
Südschweden bietet traumhafte Möglichkeiten für Paddler. Die großflächigen Seenlandschaften sind ideal für mehrtägige Touren. Wilde Felsen, dichte Wäldern und lieblich grüne Wiesen mit den dazugehörigen roten Schwedenhäuschen, einsame Gehöften und elegante Schlössern wechseln sich ab. Der Großteil der vielen Routen ist für Anfänger und Familien geeignet, aber auch fortgeschrittene Paddler finden passende Touren.
Im kürzlich erschienen Kanu Kompass Südschweden von Björn Nehrhoff von Holderberg gibt es ausführliche Reiseinfos zur Region Südschweden, Tipps für die richtige Ausrüstung, eine
kleine Kanufahrschule für Einsteiger und detaillierte Kanutouren mit Tourenkarten für folgende Wasserläufe: Ivösjön, Immeln-Halen, Ronnebyån, Helge å, Bolmen, Åsnen, Härån, Sommen, Dalsland (Stora Le & Lelång), Glaskogen, Svartälven, Nittälven, Vänern.






